Archiv für März 2013

I can relax in Deutschland

Im Zweifel für die Scheiße
viel Inhalt wenig Form
Im Zweifel gegen Gleichheit
und gegen jede Norm

Im Zweifel für die Scheiße
und für Dekonstruktion
Im Zweifel gegen Sittlichkeit
und gegen die Nation

Im Zweifel für die Scheiße
und gegen allen Zwang
Im Zweifel auch für Lars von Trier
und für den Untergang

Im Zweifel ist Faschismus cool
und all seine Propheten
im Zweifel für die Unvernunft
und Avantgarditäten

Im Zweifel für den freien Markt
ihr Bürger, hört mich rufen!
Im Zweifel für die Dekadenz
die unsre Väter schufen.

Django Unchained, richtig betrachtet

Ein guter Freund von mir hatte gelesen, dass Quentin Tarantino meinte, dass die Sklaverei in Amerika durchaus mit dem Holocaust vergleichbar sei. Als Konsequenz hat er sich den Film nicht angeschaut. Spike Lee wiederum meinte, dass die Sklaverei in Amerika kein Spaghettiwestern gewesen sei, sondern Holocaust. Zudem würde in Django Unchained zu oft Nigger gesagt. Auch er kündigte an, sich den Film nicht anzusehen.

Etwas nach dem Hörensagen zu beurteilen ist stets die billigste Kritik; gemessen an der Genialität des Gegenstands in diesem Falle sogar verbrecherisch. Denn Django Unchained ist ein gut gemachter, unterhaltsamer Film, der im besten Sinne antirassistische Propaganda betreibt. Jeder halbwegs mündige Mensch müsste sich freuen über dieses Ergebnis von verschwenderischem Umgang von Gehirn und Talent. Aber im deutschen Feuilleton sind solche Menschen noch selten. Irgendwie stößt der Film doch auf, man weiss bloß nicht, warum. Und immer wenn die liberalen Wünschelrutengänger der Feuilletons ein Problem aufspüren liegt eine Stärke Tarantinos verborgen.
So schrieb Matthias Dell im Freitag:

Gleichzeitig streicht er alles, was dieses schmutzige, aber politische Kino unbewusst artikulierte, mit dem Edding seiner kindlichen Begeisterung für eine aufrichtige Gut-Böse-Moral dick heraus.

Was Matthias Dell mit diesem Satz ausdrücken wollte ist, dass er den Film nicht gesehen hat. Und auch, dass er das wichtigste Prinzip des Films nicht verstanden hat. Das der Parteilichkeit. In seiner Babysprache kann Parteilichkeit bei Dell nur „Gut-Böse-Moral“ heißen; dass Parteilichkeit eben eine solche ist und der Zuschauer eben auf der Seite Djangos stehen soll und eben kein Platz ist für Psychologisierung, neutralen Standpunkt oder Mitleid für den Feind, kann Dell nicht nur nicht begreifen, er geht noch weiter:


Eindrucksvoller sind Leonardo DiCaprio als dicklich-tumber Plantagenbesitzer Calvin M. Candie und Samuel L. Jacksons gerissener Butler Stephen, der schon deshalb die interessanteste Figur abgibt, weil er – als eine Art Kapo zwischen Macht und Unterdrückung situiert – die Verführbarkeit durch Privilegien und damit den schwierigen Alltag eines repressiven Lebens sichtbar macht.

Samuel L. Jackson hat zurecht gesagt, dass Stephen der verabscheuungswürdigste Neger der amerikanischen Filmgeschichte sei. Dell ist folglich der verabscheuungswürdigste Rezensent der deutschen Filmkritik. Pfui!

Wie u.a. auch Dell, hatte Remeike Forbes Probleme mit Tarantinos Hautfarbe. Auch an dieser Stelle ist der Film schlauer. Durch die Einführung des Mandingo-Stoffes schafft Tarantino eine Überschreitung des historischen Kontextes um noch genauer zu werden. Es geht nicht um das Wort Nigger. Es geht nicht um Rassismus. Es geht um Sklaverei. Der als Mandingo-Agent kostümierte Django wird formell gleichgestellt, Nigger hin oder her. Rassismus ist nur sekundär. Er dient Calvin Candie bloß dazu, die Unterdrückung der Schwarzen auf seiner Plantage sowie seine abartigen Gewaltperversionen pseudowissenschaftlich zu rechtfertigen.

Forbes unterstellt dem Film nicht nur Rassismus, sondern auch Sexismus und Homophobie. Die bemängelten Aspekte würden aufgeschlüsselt schon genug Material für einen Text namens „Why the Left can‘t revolt“ geben, das würde aber an dieser Stelle nur ablenken. Ich beschränke mich auf seinen Hauptkritikpunkt, nämlich dass Tarantino keine Sklavenrevolte zeige, obwohl die amerikanische Geschichte genügend Beispiele kenne, die als Stoff herhalten könnten. Besonders erwähnt er Nat Turner. Freilich ist es idiotisch, Tarantino vorzuwerfen, keinen anderen Film geschrieben und produziert zu haben. Die dahinter stehende Erwartung aber ist mir interessant genug, um meinerseits etwas daran zu hängen.
Forbes hatte einen Revolutionsporno erwartet, ganz nach dem linksradikalen Grundsatz, dass nur ein Film mit dargestellter Revolution revolutionär sei. Nichts gegen Pornos, aber Django Unchained ist ein anderes Genre. Django Unchained ist ein revolutionärer Entwicklungsfilm mit leninistischem Einschlag.

Zunächst ist Django kein schwarzer Spartakus. Über seine Herkunft erfahren wir so gut wie nichts. Er ist auch nicht der afrikanische Prinz, dessen edles Blut dem Sklavensein unwürdig ist. Er ist zu Anfang nichts anderes als ein Sklave. Dr. King Schultz, nicht etwa bloß guter Deutscher sondern Forty-Eighter und Republikaner (der Film spielt 1858), befreit Django, macht ihn zu seinem Assistenten und bringt ihm alles bei, was er an kommunistischer Schläue und Tugend zu bieten hat. Wundervoll hier die schon erwähnte Verkleidung Djangos in einen Klassenverräter, welche zeigt, wie Coolness zur Tarnung und damit zur Waffe wird und gleich die damit verbundene Problematik mitliefert: die Unmöglichkeit der spontanen Solidarität. Auch sonst ist der Film betont anti-idealistisch und geht in keinem Moment anarchistischen oder spontaneistischen Versuchungen nach. Django ist kein Nat Turner und Dr. Schultz kein John Brown. Die Sklavenrevolte und zwangsläufige Niederschlagung bleibt dem Publikum erspart. Am Ende fliegt die Plantagenvilla in die Luft, als eine Ouvertüre für das, was kommen mag.