Extrem dumm

Nach jahrzehntelanger Erfahrung mit der BRD-Linken, ihrer Unfähigkeit, Selbstzerfleischung, ihren Irrungen und Wirrungen; schließlich ihrer Auflösung nach Annexion der DDR (Entzug ihrer wichtigsten ideologischen Grundlage und Existenzberechtigung, der DDR-Kritik bzw. -„Solidarität“) weiss der Verfassungsschutz naturgemäß, dass die allermeisten Linksextremen sich höchstens selbst in Gefahr bringen.
Und so ist es nicht nur irreführend, wenn sich Linksjugend und Grüne Jugend als Nachwuchs- und Alternativsozialdemokraten nun als „linksextrem“ outen, sondern geradezu anbiedernd ekelhaft demokratieverseucht. Ironisch nennt man sich nun linksextrem um sich gegen jeden Extremismusbegriff zu stellen. Es wundert, nebenbei, dass dieser prodemokratische Stuss der Leipziger INEX (Triggerwarnung: extrem ant*kommun*st*sch!) so lange gebraucht hat, um weitere Verbreitung zu finden.
Doch zurück zum Thema. Wie hirnverbrannt ist das denn? Statt einfach die Etikettierung anzunehmen und zumindest darauf stolz zu sein, von offizieller Seite (Springer-Presse) für oppositionell gehalten zu werden, und, wie bisher üblich, die eigene angegammelte Ideologieware unter diesem Etikett idealistischen jungen Menschen anzudrehen, fordert man jetzt die Regierung(!) auf, den Begriff „Extremismus“ nicht mehr zu benutzen. Selbstverständlich ist antifaschistische Jugendarbeit wichtig, man kann aber auch einfach sagen dass die Regierung durch die direkte Nichtförderung von entsprechenden Projekten Nazis fördert bzw. mal die eigene Sozialarbeiterrolle und Abhängigkeit hinterfragen und öffentlich thematisieren. Ach nee, sorry, zu viel verlangt.
Was aber ist die Konsequenz? Natürlich ist die Kampagne eine Steilvorlage, man zieht einfach die Ironie ab und heult herum. So wie Gunnar Schupelius, Volksverhetzer der BZ, der dann gleich die „jungen Grünen und Linken“ in eine Reihe stellt mit den Bolschewiki, den Nazis, der SED, der RAF, Kuba, Iran und Nordkorea. Diesen hässlichen freiheitlich-demokratisch-faschistischen Auswurf noch zu kritisieren, spare ich mir. Das machen schon andere! Denn wie mir berichtet wurde, schickte Tilman Loos, jugendpolitischer Sprecher der LINKEN in Sachsen, gleich eine Mail an besagten Schupelius, Inhalt zu Dokumentationszwecken hier ungekürzt:


Sehr geehrter Herr Schupelius,



Ich teile Ihre Auffassung nicht. Ich bin weder ein Freund von Völkermord, noch von Pogromen, Arbeitslagern, der Einschränkung der Pressefreiheit, politischer Justiz oder ähnlicher Dinge. Darauf zielt auch die ganze „Ich bin linksextrem!“-Kampagne nicht. Es geht meines Erachtens darum, dass der Begriff des „Extremismus“ weitestgehend sinnfrei ist. Wo es „Extreme“ gibt an irgendwelchen „Rändern“, da muss es auch die „Mitte“ geben. Nach der Konstruktion des „Extremismus“ ist dieser schlecht, die „Mitte“ hingegen das positive Gegenstück. Das ist notwendigerweise eine inhaltsleere Bestimmung. Denn was ist die Mitte? Ist diese über spezifische politische Inhalte defininiert, könnten die benannt und unterstützt, die jeweils anderen (die jeweiligen „Extremismen“) kritisert werden – das jedoch findet nicht statt. Wenn „Mitte“ einfach nur für Mehrheit steht, taugt die Konstruktion noch weniger. Die nämlich kann für jedweden denkbaren politischen Inhalt stehen – zum Beispiel auch für einen völkischen Rassismus und Vernichtungsantisemitismus wie im Nationalsozialismus. Der war keineswegs eine Randposition, sondern gesellschaftlicher akzeptierter Mainstream. Da waren beispielsweise Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten auf einmal nicht mehr in der „Mitte“ der politischen Bühne, sondern „Extremisten“ und „Vaterlandsverräter“, die verfolgt, eingesperrt und ermordet worden sind. Zur Zeit des Vietnamkriegs waren die Hippies die Wenigen, die „Extremisten“, die – selbst unbewaffnet – im Namen des Staates und der Mehrheit von Plätzen, Straßen und Wiesen geprügelt worden sind, weil sie das tausendfache Morden in einem weit entfernten Fleck der Erde nicht akzeptieren wollten. Lassen Sie uns über Inhalte streiten, und nicht über ungenaue und inhaltsleere Positionen auf einem Politkompass. Wer wen warum als Extremistin oder Extremisten bezeichnet sagt nicht selten mehr über die eigene, als über die jeweils andere Position aus. „Extremismus“ ist immer der Extremismus der jeweils anderen. Ich selbst übrigens habe wenig Angst, vor den Wenigen, sondern vor den Vielen, die nach Fußballspielen, in Kneipen, vor Discotheken, in Verkehrsmitteln und aus Ministerien MigrantInnen verprügeln, Auschwitz relativieren, sexuell übergriffig werden, Obdachlose angreifen oder verfolgte Menschen gefesselt und geknebelt abschieben. Und vor den Vielen, die das Geschehen lassen. Das ist kein „Extremismus“, aber extrem widerlich.


Mit freundlichen Grüßen,



Tilman Loos

Wenn man glaubt, es ginge nicht mehr bekloppter, setzt die Kritik noch einen drauf. Natürlich bekennt sich Loos gleich als Demokrat, der alles ablehnt, was ein vernünftiger Mensch angesichts von Demokraten wie Schupelius herbeisehnt (Einschränkung der Pressefreiheit, politische Justiz, Arbeitslager, ähnliche Dinge). Hier taucht denn nun auch gar kein Inhalt mehr auf, die ursprüngliche Zurückweisung der Extremismusklausel etwa. Stattdessen sucht Loos bei Schupelius Anerkennung und Verständnis für verfolgte Sozialdemokraten, für Gegner des Vietnamkriegs (bei Loos Hippies) und natürlich für sich selbst. Das schlimmste Denkverbrechen begeht er aber mit seiner Begriffskritik. Statt zu akzeptieren, dass der politische Gegner (Fortgeschrittenen auch als Klassenfeind bekannt) nun mal seine eigenen notwendig falschen Begriffe hat, bzw. zu Propagandazwecken neu erfindet, und damit anzuerkennen, dass es eine Frage des Standpunkts ist, wer als extrem (=böse) gilt und wer normal (=lieb) und dass nach herrschender Meinung die Extremen nun mal die sind, die am wenigsten die herrschende Meinung zu vertreten scheinen. Als Konsequenz des Looschen Stumpfsinn müsste die herrschende Meinung nun objektiv werden und ihren Standpunkt verlassen. LOL!
Welche Moral ist hier noch zu erwarten, angesichts solcher Verblendung und Verirrung?
Ihr armen Linksextremisten, die Ihr euch nun in die Nähe der organisierten Nachwuchssozialdemokratie gerückt fühlt, rächt euch und nennt euch Sozialdemokraten! Das wäre doch mal ehrlich, schön und ganz unironisch.

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