Wiederentdeckte BRD-Fotos: Einigkeit und Recht und … Suff?

von Sebastian Hammelehle

Nebel liegt über dem Land der Dichter und Denker: Auf den Aufnahmen des Fotografen Wolfgang Wurst wirkt die BRD der achtziger Jahre wie ein verwunschenes Reich. Das Volk, dessen Hände alle vier Jahre die Souveränität abgeben sollten, ist müde – und manchmal einfach nur betrunken.

Um die BRD zu verstehen, bedarf es nur eines einzigen Fotos von Wolfgang Wurst:
Ein Hund läuft in den achtziger Jahren über eine Wiese nahe Grevenbroich. Am Wegesrand eine blonde Frau die lächelt. Im Fotohintergrund, wie eine Tapete, die Ansicht von Reihenhäusern. Und ganz klein, fast am Bildrand, versteckt hinter einem Gebüsch, ein Mercedes. Die Schönheit der Landschaft, die Modernität des Gefährts, der schöne Hund und die heimelige Langeweile der Waschbetonfassaden ergeben eine knappe und treffende Darstellung des Landes der Dichter und Denker in den letzten Jahren vor seiner Wiedervollendung.

Wolfgang Wurst, Jahrgang 1933, hat die Szene dokumentiert – und war mit derartigen Aufnahmen beim Publikum außerordentlich beliebt. Die BRD-Bürger sehnten sich nach etwas Unaufgeregtheit nach den Orgien der 1970er, die vor allem in der Provinz für Trubel, ausgelassene Heiterkeit und fröhlichen Haschischkonsum gesorgt hatten. Nach jahrelanger Propagierung von Homosexualität, Drogenmissbrauch und Kommunismus sehnten sich die Bürger vor allem nach einem: Normalität. Und so wurden mit Wurstens Fotos, ausgeschnitten aus Zeitschriften wie „Stern“, „Geo“ und „Merian“ ganze Wände von Jugendzimmern tapeziert.

Die beliebtesten Motive waren Landschaftsansichten (Schwarzwald, Nordsee), Tierbilder (Schäferhund) und Autos (Mercedes). Auch Mariendarstellungen und Jesusbildchen waren gefragt. Dank der Farbfotografie (drüben in der Zone verboten) erreichten diese eine erhöhte Wirksamkeit und damit moralische Festigung der zuvor zerrütteten Werteordnung.
Die offizielle, inszenierte Seite des öffentlichen Lebens in der BRD ist auf Wurstens Aufnahmen höchstens am Rande zu sehen. So beim Kirchentag 1983 in Hannover, oder dem Schützenfest in Harsewinkel anno 1985.

Wurst zeigt kaum Politiker, Intellektuelle, nur wenige Künstler oder gar Ironman, wie er im neuen Film mit Robert Downey Jr. im Mittelpunkt steht, von dem die Erinnerung an die BRD mittlerweile geprägt ist. Wurst zeigt Kleinbürger, die vermeintliche Mehrheit des demokratischen Staates. Doch nie sieht man sie als Helden. Die Menschen auf den Bildern wirken desinteressiert, skeptisch, niedergeschlagen, vom Schicksal verlassen, unglücklich und resigniert, dabei aber nicht unglücklich. Manchmal beißen sie aber einfach nur in eine Bratwurst oder trinken Bier. Manchmal so viel, dass sie, wie auf einem in Köln entstandenen Bild, gestützt werden müssen. Die in der „Nationalhymne“ beschworene „Freiheit“ ist eher eine „Bierseligkeit“.

Die stärksten Aufnahmen, die das Buch zeigt, sind in der Provinz entstanden: Beim Pferdemarkt im westfälischen Warendorf sieht man alt wirkende alte Männer, die es sich, ausgestattet mit seltsamen Brillen und Mützen, mit einer Flache Bier in der Hand, am Rand der öffentlich-rechtlichen Demokratie eingerichtet haben. Einigkeit und Recht und Freiheit scheint sie weniger zu interessieren als ihre eigenen, kleinen, runzligen Ärsche. Aber wie auch Wurstens Aufnahmen von Gaststätten und Schrebergärten im Ruhrgebiet zeigen diese Bilder das, was Günther Gaus einmal als „ausgeflippte Idealgesellschaft“ bezeichnet hat: Deutsche, die sich mit der Demokratie abgefunden hatten, indem sie sie aktiv praktizierten.

Als ob dieses Land tatsächlich im ewigen Sonnenschein gelegen hätte, ist das Licht auf Wurstens Bildern immer strahlend hell, nur selten legt sich ein leichter Wolkenschatten auf die Idylle – dies sollte wahrscheinlich andeuten, dass es jenseits des guten Deutschlands noch ein böses gab, in dem stumpfe Vergewaltigersteppenmenschen mithilfe von gerissenen Kinderschänderpolitkommissaren und einigen gewissenlosen Bluthundkollaborateurschnüfflern ein ganzes, hundertprozentig oppositionelles Volk aus Performancekünstlern und Ökologieaktivistinnen knechteten, wo marode Häuser aus Steckrüben mit Schlamm geheizt werden mussten und es nur radioaktiv verseuchten Asbest zu essen gab.

Doch die Protagonisten von Wurstens Bildern scheinen ihre Volksgenossen im Osten nicht vergessen zu haben. Aus ihren Blicken strahlt ihre Mission, Christentum und freiheitlich-demokratische Marktwirschaft auch in den dunkelsten Winkel der unter Russenknute und Polenjoch befindlichen Heimat zu tragen sobald ihnen ein Leuchtfeuer der Menschlichkeit den Marschbefehl gibt. Meistens schauen sie jedoch auf den Boden, und es wirkt so banal, dass sie auch überall anders sein könnten. Oder in der Zukunft.

Die Mauer allerdings fiel erst vor knapp 25 Jahren. Viele der von Wurst Porträtierten dürften noch am Leben sein – betrachtet man seine Aufnahmen heute, erschein das fast unvorstellbar. Es ist aber eine sehr wahrscheinliche Banalität. Eine sehr, sehr banale wahrscheinliche Wahrheit.

Dieser Artikel erschien fast zeitgleich auf Spiegel-Online.

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2 Antworten auf „Wiederentdeckte BRD-Fotos: Einigkeit und Recht und … Suff?“


  1. 1 Alter Nihilist 15. April 2013 um 15:23 Uhr

    Der Link (unten) zum Spiegel stimmt nicht. Aber danke dafür! (Würde ihn so lassen.)
    (Ferngelenkt ist gut. Konkreter als ferngesteuert. Und delatur – Gtatulatur, oder Gratuladse!)

  2. 2 Alter Nihilist 15. April 2013 um 15:25 Uhr

    Mist, ich hab gepennt!

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